Der Kampf geht weiter

Seit Jahren machen Bürger Front gegen die Giftmülldeponie am Eylier Berg in Kamp-Lintfort

Harry Seelhoff

Kamp-Lintfort. Der Eyller Berg - seit zwei Jahren ein Synonym des Bürgerprotestes gegen eine Giftmülldeponie. Die eiszeitliche Endmoräne, in den 60er-Jahren ausgekiest, dann als Hausmülldeponie genutzt und heute Sondermülldeponie für gefährliche Abfälle der Klasse 3, steht für einen handfesten Giftmüllskandal. Und der Eyller Berg steht, so die Meinung des Sprechers der „Bürgerinitiative Giftmülldeponie Eyller Berg" Ulrich Blauert, für die schier unglaubliche Schlamperei der Aufsichtsbehörde.

Der Protest gegen den Eyller Berg hat eine lange Geschichte. Bereits in früheren Jahren gab es eine Bürgerinitiative (BI), im August 2009 gründete sich eine neue. Anlass war der WAZ-Artikel „Krebserregendes am Eyller Berg", der die Warnung der BUND-Expertin Claudia Baitinger vor dem Bau einer chemisch-physikalischen Abfallbehandlungsanlage an die Öffentlichkeit brachte. Seitdem wehren sich die Bürger nicht nur gegen diese Pläne, sondern auch gegen die ihrer Meinung nach unhaltbaren Zustände auf der Giftmülldeponie. Rund 40 Prozent aller in NRW anfallenden, schwermetallbelasteten Galvanikschlämme landen laut Landesumweltamt in KampLintfort.

17 Meter zu hoch

Dass mit dieser Deponie etwas nicht stimmt, sieht selbst der berühmte „Blinde mit dem Krückstock". Der Deponiebetreiber, die Eyller-Berg Abfallbeseitigungsgesellschaft mbh, ist eigentlich an den so genannten Höhenplan von 1969 gebunden. Dieser schreibt die maximale Höhe der Deponie, aber auch die Böschungswinkel vor – der Eyller Berg soll sich nach der vorgeschriebenen Rekultivierung in die Landschaft einfügen; der vormals zum Bergbau gehörende Teil der Deponie entspricht diesen Vorgaben. Seit Jahren beschwerten sich die Anwohner darüber, dass der Deponiekörper der Eyller-Berg Abfallbeseitigungsgesellschaft viel zu hoch sei, dass giftige Stäube herunter wehten, dass es nach Chemie stinke. Ihre Beschwerden wurden von der Aufsichtsbehörde, der Bezirksregierung Düsseldorf, mit unschöner Regelmäßigkeit abgebügelt.

Doch nach der Gründung der BI vor zwei Jahren ließen sich die Bürger nicht mehr abbügeln. Ihr massiver Protest führte dazu, dass der KampLintforter Stadtrat sich gegen den Deponiebetreiber stellte, dass die Stadtverwaltung massiv gegen die Bezirksregierung vorging. Und siehe da: Plötzlich wurde festgestellt, dass die Giftmülldeponie bereits rund 17 Meter zu hoch aufgeschüttet wurde. Der Kreis Wesel, alarmiert durch den extrem hohen Bleigehalt in den Grobstaub-Messbehältern, untersuchte Maisfelder und Äcker. Der Kampf um den Eyller Berg ist im November 2011 in vollem Gange.

„Der Eyller Berg sieht aus wie ein Tetra Pak und nicht wie eine Endmoräne." BI-Sprecher Ulrich Blauert spart nicht mit Kritik an der Aufsichtsbehörde; erst kürzlich reichte die BI eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Bezirksregierung ein. Deren Erlass gegen den Deponiebetreiber aus August diesen Jahres werde von der BI kritisch geprüft, so Blauert. „Die Behörde hat unglaublich geschlampt. Auf dem Eyller Berg liegen rund 100 giftige Stoffe – die Klasse 3 ist die höchste Gefahrenstufe, knapp unter Strahlenmüll", so Blauert.

Die Bürgerinitiative wird den Finger in die schwärende Wunde legen und unbequeme Fragen an die Aufsichtsbehörde stellen: Wie konnte der Deponiebetreiber die vorliegenden Fakten schaffen? Wann endlich wird eine komplette Einmessung des Eyller Berges von unabhängigen Experten vorgenommen? Blauert: „Das Recht hat die Bevölkerung ja wohl nach jahrelangem Wegschauen."

Von der BI zur Verfügung gestellte Bilder und Filme beweisen, dass auf der Deponie mit den giftigen Stoffen vollkommen sorglos umgegangen wird. Eine Beregnungsanlage soll Stäube binden; doch als deren Bilder Experten vorgelegt wurden, hielten diese die Anlage für einen schlechten Witz. Was den geplanten Bau einer Abfallbehandlungsanlage angehe, so Blauert, sei eine Grundvoraussetzung die Zuverlässigkeit des Betreibers. Und diese spricht die BI der Abfallbeseitigungsgesellschaft prinzipiell ab.

Der Kampf um den Eyller Berg geht weiter. Gestern nahmen Vertreter der Bezirksregierung und des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz wieder Bodenproben.

Formular für die Regierungspräsidentin

Das Motto des Vereins „Bürgerinitiative Giftmülldeponie Eyller Berg Neukirchen-Vluyn/KampLintfort" lautet: Wir lassen uns nicht vergiften. Das Motto sowie der Hinweis auf die Homepage www.giftberg.de ist im Straßenbild des NeukirchenVluyner Ortsteil Rayen und in Kamp-Lintfort rund um den Eyller Berg allgegenwärtig.

Auf „giftberg.de" finden sich unter anderem alle Infos zur Initiative sowie eine Liste mit allen Giftstoffen, die auf der Deponie abgekippt werden dürfen. Seit gestern kann dort ein Formular heruntergeladen werden, mit dem sich jeder einzelne Bürger direkt an die Regierungspräsidentin Anne Lütges wenden kann.

Die Stadt Kamp-Lintfort (www.kamp-lintfort.de) hat auf ihrer Homepage Messergebnisse, Pläne, Sitzungsunterlagen und Pressemitteilungen rund um den Eyller Berg zusammengefasst.

Quelle: WAZ/NRZ 04.11.2011