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Wisst ihr, wie hoch der Berg war?

Hans Evers wohnt seit seiner Kindheit am Eyller Berg. Er muss zusehen, wie die Sondermülldeponie neben ihm wächst

evers

Es war einmal zu der Zeit, als der Eyller Berg noch keine Sondermüllkippe war: Das alte Foto zeigt Familie Evers, im Hintergrund den Eyller Berg in seiner ursprünglichen Höhe. Heute scheint er gleich hoch zu sein, aber damals standen auf ihm noch hohe Bäume. Und wenn man sich die auf dem alten Foto wegdenkt...      Fotos: Volker Herold

Harry Seelhoff

Kamp-Lintfort. Hans Evers wohnt seit seiner Kindheit an der Eyller-Berg-Straße 343. Auf der Endmoräne aus der Eiszeit, die sich schon damals hochtrabend Eyller Berg nannte, haben er und seine Geschwister gespielt. Schöne Kindheitserinnerungen seien das, sagt Hans Evers. Aber der Eyller Berg von einst ist nicht mehr. Evers: „Ich gucke jeden Tag vom Bett aus auf den Berg und ärgere mich."

Denn in den letzten Monaten stellt er sich immer öfter die Frage: „Wisst ihr nicht, wie hoch der Berg früher war?" Er hat noch eine Menge alte Fotos, der Mann von der EyllerBerg-Straße. Fotos aus glücklichen Zeiten, als die höchste Erhebung des Berges „Drei Birken" hieß, und an einer der Birken ein Hochsitz stand, von dem aus die Geschwister die Tiere beobachten konnten.

 

Fotos der alten Seilbahn, Fotos von Kindern im Schnee, die dort den flachen Hügel herunterrodelten, wo sich heute die Einfahrt zur Sondermülldeponie befindet. Fotos, vor Jahrzehnten vom Eyller Berg aus geschossen, Fotos, die die alte Seilbahn der Zeche zeigen, die auf den Berg führte. Denn so fing alles an. Der Bergbau trug den Berg ab, weil er Füllmaterial für seine Schächte benötigte, erinnert sich Hans Evers.

Später wurde aus dem Paradies seiner Kindheit eine Müllkippe, und zwar mit weitreichenden Folgen. Ende der 60er Jahre durfte seine Familie plötzlich keinen Tropfen Wasser mehr aus ihren Brunnen nutzen. Lange Zeit wurde die Eyller-Berg-Straße 343 von Tankwagen mit Frischwasser beliefert, bis die Stadt endlich eine Frischwasserleitung von der Eyller Straße her legte.

Früher mit dem Fahrrad rauf

Heute ist das kleine Paradies von einst eine Sondermülldeponie. Wenn Hans Evers sich mit den alten Fotos in der Hand an den Fleck stellt, wo er die Aufnahme vor Jahrzehnten machte, dann sieht er einen Berg, den es in dieser Höhe früher nicht gab: „Früher konnten wir da doch mit dem Fahrrad rauffahren. Versuchen sie das heute mal." In der Tat käme heute wohl niemand auf die Idee, die steilen Hänge der Deponie unter die Räder zu nehmen. Und auch Steine auf die höchste Stelle des Berges zu werfen, dürfte Kindern heute mehr als schwer fallen.

„Man kann alles wieder in Ordnung bringen, aber nicht einen Berg mit Giftstoffen für die nächsten 500 Jahre. Der Eyller Berg bleibt ein Gifthaufen, für immer und ewig." Hans Evers wird sein Leben lang um das Paradies seiner Kindheit trauern.

WAZ/NRZ 1.7.09 (Abschrift)

LESER KLARTEXT

 

Eyller Berg

Eine Quelle am Rande

Ich habe sehr interessiert den Bericht über den Eyller Berg gelesen. Interessant. Für mich aber nichts Neues, denn ich bin Lintforter und 1940 geboren. In meiner Jugend Anfang der 50er Jahre haben wir das Gleiche gemacht, was Hans Evers beschreibt. Es war ein Erlebnis, auf dem Eyller Berg zu wandern. Er war herrlich bewaldet und man hätte eine schöne Aussicht, wenn man auf einen Baum kletterte. Aber ich wollte noch was zur Katastrophe rund um den Eyller Berg sagen. Am unteren Rand des Berges gab es eine Quelle, an der wir uns Kinder labten an heißen Sommertagen. Heute kaum denkbar, denn die Quelle gibt es noch. Später in den 60er Jahren waren wir öfter im Bergvailchen (Gaststätte) neben der Eyller Kirche. Dort erzählte mir die Wirtin Agnes Weikamp, geborene Deelnes, dass die Leute von der Quelle das Wasser zum Einkochen ihrer Gurken und anderes Gemüse holten. Das muss so kurz nach dem Krieg gewesen sein. Das hätte noch zu ihrem aufschlussreichen Bericht gefehlt. Damit die Leser wissen, welchen Raubbau und welche Verunreinigung die Industrie mit uns macht. Ohne Rücksicht auf die nachfolgenden Generationen.

Helmut Baumann, Kamp Lintfort

NRZ/WAZ 7.7.09 (Abschrift)